f******* - Towards New Perspectives on Feminism


I. Woher & Wohin


Der Funke entzündete sich an der Kunst. Man könnte sagen, dass damit der akademische Iconic Turn die gesellschaftspolitische Ebene erreicht hat: Handfeste Wissensgenerierung und Erkenntnisförderung durch bildende Kunst. Der Umweg erweist sich als fruchtbar.


Der Kunst verdanken wir ein verändert erwachtes politisches und soziokulturelles Bewusstsein. Was einerseits ein Nachteil sein könnte, das Schicksal der Spätgeborenen, verwandelt sich zugleich in einen strategischen und intellektuellen Vorteil: Bewusstsein statt Erbe lautet die Formel. In den Postfeminismus hineingeboren, wird die historische Dimension bei jeder Aufarbeitung immer auch reflektiert, verwandelt und angepasst. Die eigene biographische Gegebenheit wird zu einer Stärke, wenn wir danach fragen, was ein zeitgenössischer Feminismus für die Zukunft sein müsste.


In alltäglicher Arbeit mit und an der Kunst entstand plötzlich die Frage nach einer spezifischen Frauenkunst (nicht gleichzusetzen mit feministischer oder Genderkunst). Damit traf unser genuines und ursprüngliches Interesse an einer künftigen Ästhetik auf einen ideologisch scheinbar alten Hut, dem wir selbst zunächst nur misstrauen konnten. Die einmal geknüpfte Beziehung erwies sich als stark und dynamisch. Eine bestimmte Umformulierung unserer eigenen Urfrage ließ uns nicht mehr los: Wie hoch ist der zu erwartende Anteil der Frauen an einer Kunst der Zukunft und welche ästhetischen und soziokulturellen Auswirkungen hat dieser seinerseits auf den Feminismus selbst – und in einer selbstverständlichen radikalen Volte auf die Gesamtgesellschaft?


Daraus resultierend, ist die Frage nach von Frauen gemachter Kunst und deren Spezifika eine hoch politische und in dem Maße brisant und basal, in dem Ästhetik als Teil des Politischen begriffen wird. Um es mit Jacques Rancère zu sagen: „Di(ese) Ästhetik soll nicht als perverser Zugriff eines Kunstwollens auf die Politik oder als die Auffassung der Volksmasse als Kunstwerk verstanden werden. Wenn man nach einer Analogie sucht, kann man diese Ästhetik im Sinne Kants als System der Formen a priori auffassen – vielleicht sogar wie sie von Foucault wieder aufgenommen wurde -, insofern sie bestimmen, was der sinnlichen Erfahrung überhaupt gegeben ist. Die Unterteilung der Zeiten und Räume, des Sichtbaren und Unsichtbaren, der Rede und des Lärms geben zugleich den Ort und den Gegenstand der Politik als Form der Erfahrung vor. Die Politik bestimmt, was man sieht und was man darüber sagen kann, sie legt fest, wer fähig ist, etwas zu sehen und wer qualifiziert ist, etwas zu sagen, sie wirkt sich auf die Eigenschaften der Räume und die der Zeit innewohnenden Möglichkeiten aus.“ (Die Aufteilung des Sinnlichen, 2008)


II. Feminismus


Der vielfach diagnostizierten „Postdemokratie“ (Colin Crouch) entspricht der Postfeminismus. Wie im Falle der Demokratie folgt auf die harten Kämpfe und die kleinen Schritte der Zenit: Die Ankunft einer Idee in der Gesamtgesellschaft, eine große Solidarität und Verbreitung, selbstverständliche Positionierungen zwischen Mainstream und Radikalität. Auf den Zenit aber, so ist festzustellen, folgte ein Niedergang.


Generationsbedingt sind wir die letzte Kohorte der Unpolitischen. Deshalb die letzte, weil aus den Wohlstandkindern keine gesellschaftlich, politisch, kulturell, ökonomisch abgesicherten Erwachsenen wurden. Aktuell scheint es gleichgültig zu sein, ob man die Entwicklung der Menschheit als Kreislauf, Parabel oder gerade Linie betrachtet – allseits sind Erosionen zu beobachten, auf die mit einer selbstgenügsamen Un-Haltung zu reagieren nicht mehr angemessen erscheint. Allseits entspringt dieser Lage ein neues Engagement.


Was den Feminismus selbst angeht, verrät bereits ein schneller Rundblick, dass er in den Institutionen, Verwaltungen und in der akademischen Sphäre überlebt hat. Er ist etabliert und gewollt. Und in der Gesellschaft vom Aussterben bedroht. An diesem Verdikt ändert auch die Tatsache nichts, dass der Feminismus als kulturelles Phänomen recht stark in Erscheinung tritt. Ein geschärfter Blick entdeckt ihn allseits in anspruchsvollen Medien und Diskursen. Vielfach ist sein Gesicht jung und attraktiv, radikal engagiert – und ratlos.
Es herrscht keine Gleichberechtigung. Und die Diagnose lautet: die Ungleichheit ist ideologisch, politisch, sozial, ökonomisch, sie ist den Körpern, den Köpfen, den Ideen und Gefühlen. Sie ist weltweit und global (was zwei unterschiedliche Kategorien sind, einerseits empirisch, andererseits ideologisch).
Deshalb ist die Lage als Dreieck darstellbar: Eine Seite nehmen Staat, Administration, Institutionen (die etablierten und gesicherten Stützen eines Feminismus von oben) ein, die zweite individuelle kulturelle Erscheinungen (Stichworte Hype, Pop, Medien), die dritte und längste Seite des Dreiecks aber wird eingenommen von der großen Mehrheit der BürgerInnen, die dem Feminismus gleichgültig gegenüber steht. Diese Gleichgültigkeit wird gern als Zeichen für mehrheitlich gelöste Probleme gedeutet. Wir aber behaupten: Die Gleichgültigkeit ist ein Rückschritt.


Die These lautet: Wir, die Frauen, die ab den 70er Jahren geboren wurden, sind gerade dabei, Rechte, Errungenschaften und Freiheiten zu verspielen, von denen wir nicht mehr wissen, dass wir sie haben und welche wir deshalb für überflüssig halten. Der Mainstream ist a-feministisch - genau im Sinne von apolitisch oder atheistisch. Die Stimmungslage ist von Desinteresse geprägt, welches sich aber, so unsere Erfahrung, bei genauerer Nachfrage als Ablehnung äußert. Man behält auf Dauer seine Neutralität, wechselt im Zweifel aber ins Lager der GegnerInnen. Dies betrifft Frauen wie Männer.


Zeitgleich ist eine quantitative Zunahme der öffentlichen Debatten und Problemfelder nicht zu übersehen. Es regt sich Widerstand, von der verwunderten Reaktion auf die „Mütter vom Kollwitzplatz“ und die „Top Girls“ (Angela McRobbie) über die Quotendiskussion für Medien und DAX-Unternehmen bis hin zur hoffnungsfrohen Parallele zwischen progressiven gesellschaftspolitischen Phänomenen und einer überdurchschnittlich hohen Präsenz junger kluger Frauen in neu aufgekommenen (Denk-)Bewegungen.


Mit unserem Projekt, das wir gemeinsam mit Prof. Angela McRobbie vom Goldsmiths College konzipiert haben, möchten wir einerseits all diese neuen Erscheinungen bündeln und damit in geballter Form präsentieren, andererseits aber, und dies ist entscheidend, richten wir uns in einer von unten nach oben gerichteten Bewegung an den gesellschaftlichen Mainstream. Unser Programm und unsere Strategie sind deshalb von einer umfassenden Vielfalt gekennzeichnet, die wir für unsere Ziele als strukturell wesentlich erachten. Die Ziele sind:


1. Ein Imagewandel des Feminismus
2. Eine breite Diskussion über die Zukunft des Feminismus, die nicht zu trennen ist von einer gesellschaftspolitischen Debatte
3. Eine Bewusstmachung des bereits Erreichten und Unverzichtbaren (im Angesicht einer realen Gefahr des Verspielens)
4. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Feminismus

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Anna Talens, Red de niebla, 2012